Kreiswirtschaftsförderer Hermann Tengler exklusiv für Haus & Grund aktuell: Ministerien sind für Bonn unverzichtbar: 60.000 Arbeitsplätze sind in Gefahr

„Die Diskussion um einen möglichen Komplettumzug aller Ministerien von Bonn nach Berlin hat wieder Fahrt aufgenommen. Darf oder sollte die schleichende Aushöhlung des Berlin/Bonn-Gesetzes auch für die Region Bonn ein Anlass sein, das Gesetz aufzugeben und eine andere Form der Zusammenarbeit mit Berlin zu suchen? Nein, das wäre nicht nur der eindeutig falsche, sondern ein höchstwahrscheinlich sogar fataler Weg.

Aus dem Büro der für den Berlin-Umzug zuständigen Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) ist zu hören, dass es das Ziel sei, alle Ministerien in Berlin zu konzentrieren. Hintergrund für diesen neuerlichen Vorstoß ist die Tatsache, dass – im Widerspruch zum Berlin/Bonn-Gesetz, nach dem der größte Teil der Arbeitsplätze der Ministerien in Bonn erhalten bleibt, – immer mehr ministerielle Arbeitsplätze nach Berlin verlagert werden. Im Juni 2015 hat das Bundesinnenministerium bestätigt, dass die Zahl der Mitarbeiter in den Bonner Ministerien auf 6.855 zurückgegangen ist, während in Berlin bereits 11.202 Bundesbedienstete arbeiten.

„Bundesstadt“ zählt

Die Bedeutung des Bundes für die Region Bonn darf nicht nur aus der Zahl der Arbeitsplätze in den Ministerien abgeleitet werden. Dies greift viel zu kurz. Um die in Bonn verbliebenen Ministerien haben sich im Laufe der Jahre so viele Institutionen, Interessensvertretungen, nationale und internationale Organisationen angesiedelt, dass die Gesamtzahl der Arbeitsplätze, die die Funktion der „Bundesstadt Bonn“ ausmacht, bei etwa 29.000 liegt. Und man kann davon ausgehen, dass durch diese – insbesondere durch die Einkommensverwendung bei Handel, Handwerk und Dienstleistungen – in der gewerblichen Wirtschaft der Region noch einmal rund 32.000 Arbeitsplätze gesichert werden.

Die direkten und indirekten Effekte zusammengenommen steht der Bund in der Region Bonn also für gut 60.000 Arbeitsplätze. Er ist damit nach wie vor der mit Abstand größte und bedeutendste Arbeitgeber; nahezu jeder fünfte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt vom Bund ab.

Kettenreaktionen drohen

Ein Abzug aller Bundesministerien nach Berlin hätte vor diesem Hintergrund für die Region fatale Folgen. Betroffen wären nicht nur die in den Ministerien angesiedelten Arbeitsplätze, es drohte vielmehr eine Kettenreaktion in den angelagerten Einrichtungen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Ginge das Bundesministerium für Bildung und Forschung nach Berlin, wäre dann nicht auch damit zu rechnen, dass die meisten der in Bonn angesiedelten Wissenschaftsorganisationen wie Alexander von Humboldt-Stiftung, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Deutscher Akademischer Austauschdienst, Hochschulrektorenkonferenz und andere ihren Sitz nach Berlin verlagern?

Der gleiche Dominoeffekt bei der Entwicklungs- und Umweltpolitik: Ein Abzug der entsprechenden Ministerien hätte unweigerlich den Verlust eines Großteils der 150 Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) und anderer internationaler bzw. umweltorientierter Einrichtungen zur Folge. Auch der weitere Ausbau als UN-Standort würde erheblich erschwert, wenn nicht sogar unmöglich.

Rutschbahn Phase 2

Summa summarum kann man davon ausgehen, dass die Region Bonn bei einem Umzug der Ministerien nach Berlin rund 27.000 Arbeitsplätze verlieren würde. Damit einher gingen ein Wegzug von ca. 20.000 Einwohnern und ein Kaufkraftverlust von 275 Millionen Euro jährlich. Auch die Auswirkungen auf den Büroimmobilien-Markt wären gravierend; rund 470.000 Quadratmeter Bürofläche würden frei werden. Was das bedeutet wird deutlich, wenn man bedenkt, dass dies gut dem Fünffachen der durchschnittlichen jährlichen Vermietungsleistung in Bonn entspricht.

Durch die Entwicklung nach dem Bonn/Berlin-Beschluss ist die Abhängigkeit unserer Region vom Bund nicht geringer geworden. Die größte Gefahr besteht darin, dass durch einen Ministeriumsumzug der eigentliche Rutschbahneffekt, nämlich auf einer zweiten, sehr viel größeren Ebene, erst ausgelöst wird. Der Sitz und der Status der Bundesministerien in Bonn sind der Kitt, der die „Bundesstadt“ zusammenhält und ihr eine gute Zukunftsperspektive verspricht. Keine andere Lösung, auch nicht die Umwandlung der Ministerien in Bundesoberbehörden, kann eine vergleichbare Bindungswirkung entfalten.“  


Verantwortlich:

Dr. Hermann Tengler

Beiratsmitglied von Haus & Grund Bonn/Rhein-Sieg

und Kreiswirtschaftsförderer des Rhein-Sieg-Kreises